Keine Ablenkung, kein Tageslicht, keine Gespräche, kein Essen, kein normales Zeitgefühl. Was für viele nach radikaler Selbstgeißelung klingt, war für Extremwanderer Jannik Giesen ein außergewöhnliches Experiment: ein Retreat in völliger Dunkelheit und Stille.
Sein eigener Bericht zeigt eindrucksvoll, wie extrem diese Erfahrung ist — und wie überraschend befreiend zugleich.
Ein radikaler Rückzug aus der Welt
Vor dem Retreat war Jannik, anders als sonst, erstaunlich ruhig und gut ausgeschlafen. Schon das passt zum Charakter dieses Experiments: Es geht nicht um Aktion, Leistung oder Kontrolle, sondern ums Loslassen. Um das Aushalten von Leere, Stille und Enge.
Und gerade darin lag für ihn etwas Unerwartetes: Auf seine Weise sei das die glücklichste Woche seines Lebens gewesen. In Dunkelheit und Stille bleibe schlicht nicht viel übrig, was davon abhalte, glücklich zu sein.
Wenn Zeit ihre Bedeutung verliert
Ohne Licht verschwimmt nicht nur der Tag-Nacht-Rhythmus — auch das Gefühl für Zeit löst sich auf. Die Stunden müssen nicht „rumgebracht“ werden, weil sie plötzlich nicht mehr in der gewohnten Form existieren. Warten wird unerträglich, Langeweile drückend. Doch im gedankenlosen Moment, so beschreibt Jannik es, gibt es kein Gestern und kein Morgen — nur den jetzigen Augenblick.
Diese Form von Gegenwart ist zugleich der einfachste und komplizierteste Zustand: Man kann sich darin verlieren, aber auch Ruhe finden.
Und dann…
Dieses Retreat ist mehr als ein extremes Experiment. Es ist ein radikaler Versuch, alles wegzunehmen, was sonst den Alltag füllt — und damit sichtbar zu machen, was dann bleibt: Stille, Körper, Gedanken, Hunger, Angst, Glück.
Jannik Giesens Bericht zeigt, dass Dunkelheit nicht nur Leere bedeuten muss. Sie kann auch Raum schaffen: für Präsenz, für Wahrnehmung, für eine ungewohnte Form von Klarheit.
Und vielleicht ist genau das die eigentliche Provokation dieses Retreats: Dass Glück manchmal nicht trotz der Leere auftaucht, sondern gerade wegen ihr.